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Dienstag, 9. Juli 2013

Der Brief


Das Bähnlein rattert durch die Nacht in die Berge. In fürchterlichem Gedränge sitze ich neben meiner Mutter und überlege mir, ob ich ihr wohl sagen soll, was mich bedrückt. Sie hat mich in Tübingen abgeholt, wo ich Theologie studiere. Und nun fahren wir zusammen in Richtung Schwäbische Alb. Schließlich fasse ich mir ein Herz. »Weißt du, Mama, ich habe gar keine rechte Freude mehr an der Bibel, ich finde da so viele unverständliche und schwere Dinge. Es sind so viele Widersprüche und Unbegreiflichkeiten, die dieses Buch für einen doch reichlich ungenießbar machen.«

Meine Mutter lacht hell auf: »Das liegt daran, dass du die Bibel ganz verkehrt liest.« Etwas beleidigt fahre ich auf, sodass ein Mann neben uns erstaunt die Zeitung sinken lässt. »Ja, wie soll ich sie denn lesen? Ich lese sie im hebräischen und griechischen Urtext. Ich lese Kommentare. Ich höre Vorlesungen…«
Die Mutter legt mir beschwichtigend die Hand auf den Arm: »Ich will dir mal ein Beispiel erzählen. Weißt du noch, wie du im Krieg fast zwei Jahre ununterbrochen im Feld warst, ohne dass du Urlaub bekamst? Ich schrieb dir damals regelmäßig von den Ereignissen zu Hause. Und dann kam eines Tages ein Brief von dir, den ich nicht vergessen habe. Du schriebst: >Ich lese in euren Briefen von Lebensmittelkarten, von Hamsterern, von Schlangestehen. Ich verstehe das alles nicht. Hat sich denn bei euch alles so verändert?< Und dann kam der Satz, der mich so bewegt hat: >Wie lange und wie weit bin ich von euch weg, dass ich die Briefe aus der Heimat gar nicht mehr verstehen kann!« Ich nicke. »Ja, ich kann mich erinnern. Aber was hat das mit der Bibel zu tun?« »Siehst du«, fährt die Mutter fort, »du hast damals nicht gesagt: >Die Briefe meiner Mutter sind für mich modernen Menschen ungenießbar. Du hast auch nicht gesagt: In den Briefen meiner Mutter stehen Widersprüche und unsinnige Dinge. Du hast einfach nur gesagt: Wie lange und wie weit bin ich von zu Hause weg, dass ich die Briefe aus der Heimat nicht mehr verstehen kann!« Ich beginne zu begreifen. Aufmerksam höre ich ihr zu. »Die Bibel ist auch ein Brief, mein Sohn. Sie ist ein Brief des lebendigen Gottes aus der ewigen Heimat – an dich geschrieben. Wenn du diesen Brief nicht mehr verstehen kannst, darfst du die Schuld nicht bei dem Brief suchen. Es liegt an dir selbst. Du musst sagen: >Wie entsetzlich weit bin ich von meinem himmlischen Vater weggekommen, dass ich seinen Brief nicht mehr verstehen kann! Jetzt will ich mich erst recht hineinvertiefen und ich will um den Heiligen Geist bitten, damit ich den Brief aus der Heimat verstehen lerne.« Von da ab war es zwischen uns sehr still, bis das Bähnlein in Urach hielt. Aber den Rat der Mutter habe ich nicht mehr vergessen. Er hat mir den Weg in die Bibel hinein gezeigt.

Pfr. Wilhelm Busch, Essen


Die Entschlüsse des Jonathan Edwards


"Wissend, dass ich nichts ohne die Hilfe Gottes tun kann, bitte ich Ihn demütig, mich durch seine Gnade zu befähigendiese Beschlüsse zu halten, soweit sie mit Seinem Willen übereinstimmen."  
  • #3 Ich bin entschlossen, wenn ich je fallen und träge werden sollte, so dass ich es vernachlässige, diese Entschlüsse zu befolgen, von all dem, was mir bewusst ist, umzukehren wenn ich wieder zu mir selbst komme.
  • #5 Ich bin entschlossen, keine Zeit zu verlieren, sondern sie auf die bestmögliche Art und Weise zu nutzen.
  • #6 Ich bin entschlossen, mein ganzes Leben mit all meiner Kraft zu leben.
  • #7 Ich bin entschlossen, nichts zu tun, von dem ich es bereuen würde, wenn es die letzte Stunde meines Lebens wäre.
  • #9 Ich bin entschlossen, bei vielen Gelegenheiten über mein eigenes Sterben und über die allgemeinen Umstände, die den Tod begleiten, nachzudenken.
  • #10 Ich bin entschlossen, immer, wenn ich Schmerzen erleide, an die Schmerzen der Märtyrer und an die Leiden in der Hölle zu denken.
  • #12 Ich bin entschlossen, wenn meine Freude bloß eine Genugtuung von Stolz, Eitelkeit oder so etwas ist, sie unmittelbar wegzuwerfen.
  • #13 Ich bin entschlossen, danach zu streben, geeignete Wege der Barmherzigkeit und Großzügigkeit zu finden.
  • #14 Ich bin entschlossen, niemals etwas aus Rache zu tun.
  • #16 Ich bin entschlossen, über niemanden negativ zu reden, so dass es zu seiner Unehre geschieht, aus keinem anderen Beweggrund außer wenn es wirklich zu seinem Besten dient.
  • #17 Ich bin entschlossen, so zu leben, wie ich es mir gewünscht hätte, wenn ich sterben muss.
  • #19 Ich bin entschlossen, nichts zu tun, was ich bereuen würde, wenn es in meiner letzten Stunde wäre, bevor die letzte Posaune erschallt.
  • #20 Ich bin entschlossen, im Bezug auf Essen und Trinken die strengste Mäßigung einzuhalten.
  • #21 Ich bin entschlossen, nichts zu tun, was ich bei anderen zurecht verabscheuen würde oder was mich dazu bringen würde, von ihnen schlechter zu denken.
  • #25 Ich bin entschlossen, sorgfältig und beständig nach der einen Ursache in mir zu suchen, die mich dazu führt, letztlich die Liebe Gottes anzuzweifeln; und dagegen will ich meine ganze Kraft aufwenden.
  • #26 Ich bin entschlossen, alle Dinge von mir zu weisen, bei denen ich merke, dass sie meine Gewissheit verringern.
  • #28 Ich bin entschlossen, die Heilige Schrift so zuverlässig, beständig und andauernd zu studieren, dass ich selbst darin wachse, sie zu erkennen.
  • #29 Ich bin entschlossen, ein Gebet oder eine Bitte, bei der ich nicht darauf hoffen kann, dass Gott sie beantwortet, niemals als wirkliches Gebet anzusehen; ebenso bei einem Bekenntnis, bei dem ich nicht darauf hoffen kann, dass Gott es annimmt.
  • #30 Ich bin entschlossen, jede Woche bestmöglich danach zu streben, in der Frömmigkeit weiterzukommen und eine bessere Ausübung der Gnade zu erreichen als in der vorherigen Woche.
  • #34 Ich bin entschlossen, in Schilderungen und Berichten meinerseits nichts anderes als die reine und einfache Wahrheit zu sprechen.
  • #36 Ich bin entschlossen, niemals über irgendetwas schlecht zu reden, ohne dass ich etwas besonders gutes dazu zu sagen habe.
  • #37 Ich bin entschlossen, mich jeden Abend zu fragen, wenn ich zu Bett gehe, worin ich nachlässig gewesen bin, welche Sünde ich begangen habe und worin ich mir selbst Entbehrungen auferlegt habe; dies will ich außerdem am Ende einer jeden Woche, eines jeden Monats und eines jeden Jahres tun.
  • #38 Ich bin entschlossen, am Tag des Herrn über nichts zu reden, was verspielt oder witzig ist.
  • #40 Ich bin entschlossen, mich jeden Abend, bevor ich zu Bett gehe, zu fragen, ob ich im Bezug auf mein Essen und Trinken in der mir bestmöglichen Art und Weise gehandelt habe.
  • #41 Ich bin entschlossen, mich am Ende eines jeden Tages, einer jeden Woche, eines jeden Monats und Jahres zu fragen, was ich hätte möglicherweise besser machen können.
  • #42 Ich bin entschlossen, meine Hingabe an Gott, die ich bei der Taufe ausgedrückt habe, regelmäßig zu erneuern; diese Hingabe habe ich an dem Tag erneuert, als ich in die Gemeinschaft der Gemeinde aufgenommen wurde; ebenso habe ich meine Hingabe heute an diesem Tag erneuert (12. Januar 1723).
  • #43 Ich bin entschlossen, bis zu meinem Sterben niemals so zu handeln, als gehörte ich mir selbst, sondern in allem so zu handeln, dass ich voll und ganz Gott gehöre; dies soll in Übereinstimmung mit dem stehen, wozu ich mich am Samstag, den 12. Januar, entschlossen habe [vgl. entschlossen #42].
  • #44 Ich bin entschlossen, dass kein anderes Ziel außerhalb des Glaubens irgendeinen Einfluss auf eine meiner Handlungen haben soll; ebenso soll keine Handlung - ungeachtet der Umstände - von einem anderen Ziel bestimmt sein als allein vom Glauben.
  • #45 Ich bin entschlossen, nur das Maß an Vergnügen oder Trauer, Freude oder Leiden - sei es irgendeine Zuneigung oder ein Umstand in Bezug auf diese Zuneigung - zuzulassen, was den Glauben fördert.
  • #47 Ich bin entschlossen, bis zum äußersten danach zu streben, das nicht zu tun, was nicht mit einer Stimmung vereinbar ist, die gut und allgemein süß und wohlwollend, ruhig, friedlich, zufrieden und einfach, barmherzig und großzügig, demütig und unschuldig, unterordnend und zuvorkommend, gewissenhaft und fleißig, wohltätig und ausgeglichen, geduldig, moderat, vergebend und ernst ist; ich will jederzeit das tun, was solch einer Stimmung entspricht. Jede Woche will ich prüfen, ob ich so gelebt habe.
  • #48 Ich bin entschlossen, mit der äußersten Genauigkeit und Sorgfalt und einem stark prüfenden Blick beständig auf den Zustand meiner Seele zu achten, damit ich erkenne, ob ich wirklich ein Interesse an Christus habe oder nicht; wenn ich sterben sollte, will ich sicher sein, im Bezug auf diesen Punkt keine Buße mehr tun zu müssen, weil ich dies möglicherweise vernachlässigt habe.
  • #50 Ich bin entschlossen, so zu handeln, wie ich denke, dass ich es für den besten und weisesten Weg halte, wenn ich mich in der zukünftigen Welt befinde.
  • #52 Ich höre immer wieder von älteren Menschen, dass sie erzählen, wie sie ihr Leben leben würden, wenn sie es noch einmal könnten. Ich bin entschlossen, so zu leben, wie ich es mir wünschen werde, gelebt zu haben, vorausgesetzt ich komme in ein hohes Alter.
  • #53 Ich bin entschlossen, jede Gelegenheit zu nutzen, wenn ich mich gut und glücklich fühle, meine Seele auf den Herrn Jesus Christus zu werfen, ihm zu vertrauen und mich selbst ganz ihm hinzugeben, so dass ich meiner Sicherheit gewiss werde, indem ich weiß, dass ich mich meinem Erlöser anvertraue.
  • #54 Immer wenn ich mitbekomme, wie jemand gelobt wird, und ich denke, dass dies für mich ebenfalls rühmlich wäre, will ich entschlossen sein, dieser Person nachzueifern.
  • #56 Ich bin entschlossen, den Kampf gegen meine Verderbtheit weder aufzugeben noch darin nachzulassen, wie erfolglos ich auch sein mag.
  • #58 Ich bin entschlossen, mich in Gesprächen nicht nur von einer Atmosphäre der Abneigung, der schlechten Laune und des Zornes fernzuhalten, sondern eine Atmosphäre der Liebe, der Freundlichkeit sowie der Güte an den Tag zu legen.
  • #59 Ich bin entschlossen, wenn mir bewusst wird, dass ich zum Bösen und zum Zorn veranlasst werde, danach zu streben, gutmütig zu handeln und Freundlichkeit zu empfinden; in solchen Phasen will ich das Gute offenbar machen, obwohl ich denke, dass es in gewisser Hinsicht nachteilig und manchmal unbesonnen wäre.
  • #66 Ich bin entschlossen, immer danach zu streben, einen gütigen Blick, eine milde Art des Umgangs und gütige Worte bei allem, was ich sage, zu haben; die einzige Ausnahme ist, wenn meine Pflicht von mir anderes verlangt.
  • #67 Ich bin entschlossen, nach Bedrängnissen zu untersuchen, was an Besserem daraus entstanden ist, was ich dadurch Gutes empfangen habe und was ich dadurch erhalten haben könnte.
  • #69 Ich bin entschlossen, immer das zu tun, was ich mir gewünscht hätte zu tun, wenn ich es andere tun sehe.
  • #70 Lass doch ein wenig Wohlwollen auf allem sein, was ich rede.

Indescribable


Mittwoch, 3. Juli 2013

Das Versagen der christlichen Psychologie


Je mehr weltliche Psychologie die Gemeinde beeinflusst, desto weiter bewegen sich die Leute von einer biblischen Sicht der Probleme und ihrer Lösungen weg. Schritt für Schritt ersetzen Therapeuten die Bibel, Gottes Hauptwerkzeug heiligender Gnade (Joh 15,3; 1Kor 1,21; Heb 4,12). Der Rat dieser Profis ist geistlich gesehen oft verheerend. Vor nicht allzu langer Zeit hörte ich fassungslos, wie ein christlicher Psychologe während einer Radio-Livesendung einem Anrufer riet, seinem Ärger gegenüber seinem Therapeuten durch eine obszöne Geste Luft zu machen. „Machen Sie's nur!" sagte er dem Anrufer. „Es ist ein ehrlicher Ausdruck Ihrer Gefühle. Versuchen Sie nicht, Ihren Ärger zu verbergen." „Was ist mit meinen Freunden?" fragte der Anrufer. „Soll ich gegenüber allen so reagieren, wenn ich wütend bin?"
„Warum nicht?" sagte dieser Seelsorger. „Sie können dies gegenüber jedermann tun, wann immer Sie sich danach fühlen. Außer gegenüber denen, von denen Sie denken, dass sie das nicht verstehen - sie wären keine guten Therapeuten für Sie." Das ist eine Umschreibung mit eigenen Worten. Ich habe eine Aufzeichnung der ganzen Sendung, und was der Seelsorger tatsächlich vorschlug, war noch viel drastischer und ging so weit, dass es unangebracht wäre, es in gedruckter Form wiederzugeben.
In derselben Woche hörte ich eine andere populäre christliche Rundfunksendung, die Anrufern landesweit live telefonische Seelsorge anbietet. Eine Frau rief an und sagte, sie habe seit Jahren ein Problem mit zwanghafter Unzucht. Sie sagte, sie gehe mit „jedem Beliebigen" ins Bett und fühle sich ohnmächtig, ihr Verhalten zu ändern.
Der Seelsorger meinte, ihr Verhalten sei ihre Art zurückzuschlagen und die Folge der Wunden, die ihr passiver Vater und ihre herrschsüchtige Mutter ihr zugefügt hätten. „Es gibt keinen einfachen Weg zur Besserung", sagte ihr dieser Radiotherapeut. „Ihr Problem wird nicht sofort verschwinden; es ist eine Sucht, und so etwas verlangt eine ausgedehnte Seelsorge. Sie werden Jahre der Therapie benötigen, um Ihr Bedürfnis nach unerlaubtem Sex zu überwinden." Anschließend wurde der Anruferin vorgeschlagen, sich eine Gemeinde zu suchen, die tolerant damit umginge, während sie ihren Weg aus den „schmerzlichen Wunden" heraus finde, die sie zur Unzucht „zwingen" würden.
Was für ein Rat ist denn das? Erstens gab der Seelsorger dieser Frau praktisch die Erlaubnis, den Gehorsam gegenüber einem klaren Gebot der Hl. Schrift aufzuschieben: „Flieht die Unzucht!" (1 Kor 6,18; siehe auch 1Thes 4,3). Zweitens gab er ihren Eltern die Schuld und rechtfertigte ihre Rache an ihnen. Drittens schien er zu meinen, sie könnte Schritt für Schritt von ihrer Sünde loskommen - unter therapeutischer Anleitung natürlich. Außerdem vermittelte er seinen Hörern landesweit die klare Botschaft, dass er tatsächlich nicht darauf vertraut, dass der Heilige Geist die Kraft hat, das Herz und das Verhalten einer Person auf der Stelle zu verwandeln. Schlimmer noch: Er forderte Gemeinden dazu auf, die sexuellen Sünden einer Person zu tolerieren, bis die Therapie zu wirken beginnt.
Vergleichen Sie den Rat dieser beiden Radioseelsorger mit dem, was Galater 5,16 schlicht aber tiefgründig sagt: „Wandelt im Geist, und ihr werdet die Begierde des Fleisches nicht erfüllen." Meinen wir wirklich, eine jahrelange Therapie könnte Menschen bis an den Punkt führen, von wo an sie im Geist wandeln? Gewiss nicht, wenn der Therapeut obszöne Gesten und Aufschub von Buße empfiehlt und dass Gemeinden gegenüber chronischer Unmoral tolerant sein sollen! Es gibt keine biblische Rechtfertigung für solcherlei Rat; tatsächlich steht er dem Wort Gottes rundweg entgegen. Der Apostel Paulus befahl den Korinthern, einen Ehebrecher dem Satan zu übergeben und aus der Gemeinde auszuschließen (1Kor 5).

Quelle: John MacArthur, Biblische Seelsorge, S.38ff.